Zwickau/Werdau Geheimnis bleibt in 900 Metern Tiefe
Geheimnis bleibt in 900 Metern Tiefe Drucken E-Mail

Jedes Jahr findet am Grabmal für die bei dem Grubenunglück 1960 um Leben gekommenen Bergleute eine Kranzniederlegung statt. Auch zum 50. Jahrestag der Katastrophe kamen Bergleute, Politiker und viele Zwickauer auf den Hauptfriedhof. Foto: Alfredo RandazzoZWICKAU (Frank Dörfelt). Was wirklich in den Morgenstunden des 22. Februar 1960, übrigens eines Rosenmontags, geschah, wird sich nie mehr mit endgültiger Sicherheit aufklären lassen. Zu diesem Schluss kommen die Autoren einer in der vergangenen Woche vorgestellten Dokumentation zum Grubenunglück im damaligen VEB Steinkohlenwerk „Karl Marx“ in Zwickau, bei dem 123 Kumpel ihr Leben ließen.


Kulturamt und Stadtarchiv der Stadt Zwickau sowie der Steinkohlenbergbauverein Zwickau haben seit dem Jahr 2004 unter anderem im Bundesarchiv und auch in den Unterlagen der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen insgesamt 55 teils sehr umfangreiche Originalakten eingesehen. Viele Details konnten sie ermitteln und doch keine endgültige Klarheit schaffen. Wichtig für die Beteiligten ist es zu betonen, dass sie mit dem 152 Seiten starken Buch, das mit vielen Fotos, Skizzen und Dokumenten angereichert wurde, einen Tatsachenbericht vorgelegt haben.


„Wir haben uns ausschließlich an den Unterlagen die uns zugänglich waren orientiert“, sagte die Direktorin des Zwickauer Stadtarchivs Silva Teichert. Spekulationen, wie sie seit Jahren immer wieder in die Öffentlichkeit gebracht wurden oder gar Sensationsmeldungen wird man daher in der Dokumentation vergeblich suchen. Den Autoren ist es gelungen, den genauen Ort der Explosion, 900 Meter unter dem Eckersbacher Friedhof, zu ermitteln. Sie kommen daher zu der Erkenntnis, dass der Sprengmeister, in der Bergmannssprache Schießer genannt, den man bisher als Verursacher vermutete, keine Schuld an der Katastrophe trägt. Demnach seien die Zündkabel an seiner Sprengladung gar nicht angeschlossen gewesen. Außerdem wurde er in einiger Entfernung gefunden.


„Normalerweise hätte er sich in diesem Moment genau an der Zündmaschine befinden müssen“, erklärte der Vorsitzende des Steinkohlenvereins Klaus Hertel. Zur selben Zeit war noch ein anderer Sprengmeister im Gebiet 819 unterwegs. Als nach einem Jahr der Schacht wieder geöffnet wurde, fand man seine Leiche. Sie war als Einzige völlig zerrissen. „Wie eben nach einer Explosion“. Was schließlich die Detonation genau auslöste, ist aus den Unterlagen nicht herauszulesen. Klarheit könnte der Deckel der Zündkiste bringen. Doch der ist verschwunden.


Außerdem verschwunden ist ein Zettel den der Schießer zum Zeitpunkt seines Todes in der Hand hielt. Der Pathologe hat ihn den Ermittlern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) übergeben. Seitdem fehlt von dem Schriftstück jede Spur. Normal sei es nicht, dass der Schießer einer Zettel mit sich führt, ist auch Klaus Hertel ratlos. Das MfS mischte nach dem Unglück nicht nur kräftig mit, sondern war „Herr des Verfahrens“. Diese Bilanz zieht der Leiter des städtischen Kulturamtes Wilfried Stoye, der sich speziell mit diesem Thema befasst hat.


Schon 30 Minuten nach dem Unglück war die Kreisdienststelle informiert. Stasi-Chef Erich Mielke selbst habe sich täglich berichten lassen. Neben den Ermittlungen zur Unglücksursache nutzte der Geheimdienst allerdings auch gleich die Gelegenheit das Umfeld genauer unter die Lupe zu nehmen. So wurden die Firmenleitung und diverse andere Personen überprüft und auch die Stimmung der Bevölkerung aufgenommen. Ein ganzes Heer von Inoffiziellen Mitarbeitern wurde ausgeschickt um Informationen zu sammeln. Schon am Abend des 20. Februar saßen diese in Kneipen und registrierten die Gespräche.


Selbst in der von der Regierung eingesetzten Expertenkommission hatte die Stasi mit den geheimen Informanten „Bergmann“ und „Diamant“ gleich zwei hochrangige Spitzel sitzen, die nicht nur den Dienst informierten, sondern geschickt auch die Experten im Sinne der SED beeinflussten. „Das Ergebnis, das der Öffentlichkeit präsentiert wurde, stand von Anfang an fest“, sagte Stoye.


Für Klaus Hertel ist der 50. Jahrestag und das Erscheinen der Dokumentation auch eine Art Abschluss. Allerdings nur für die Aufarbeitung der Ereignisse. Das Gedenken an die 123 toten Kumpel bleibt. Sechs von ihnen haben ihr Bergmannsgrab in 900 Metern Tiefe gefunden. Mit ihnen liegt dort das Geheimnis für immer begraben.



 
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